Benedikt von Wagemann (1763–1837)

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Die erste Lebensbeschreibung eines dichtenden Ehinger Oberamtsarztes liegt vor

von Veit Feger
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Im Verlag Eppe Bergatreute/Aulendorf ist jetzt aus der Feder des Weingartener Deutsch- und Geschichte-Lehrers Werner Heinz ein Buch über den aus Weingarten stammenden Arzt und Schriftsteller Benedikt von Wagemann erschienen (ISBN 978-3-89089-450-8; Euro 14,90).

Die Neuerscheinung wird als erster Band einer Reihe mit dem Titel „Oberschwäbische Bibliothek, herausgegeben von Werner Heinz“ vorgestellt. Heinz hat für diese Reihe schon einige weitere „Namen“ in petto, Autoren, deren Werke, zumindest teilweise, vergessen oder weitgehend vergessen sind - zu Unrecht, wie Heinz meint.

„Zu Unrecht vergessen“ – das meint Heinz auch von Benedikt von Wagenmann, dem „Arzt und Dichter aus Schwaben“, wie der Untertitel der Neuerscheinung lautet. Der Ton, in dem W. Heinz von seinem literarischen Heros erzählt, ist über weite Strecken begeistert (eine Begeisterung, die der Verfasser dieser Besprechung nicht im selben Maße teilt).

Den 130 Seiten lebendig, farbig geschriebener Biographie folgen 70 Seiten eines originalen Textes von Wagemann: „Die konstitutionelle Monarchie der Tiere“. Dieser Nachdruck (mit modernisierter Orthographie) ist eine literaturgeschichtlich sinnvolle Herausgeber-Arbeit. Texte Wagemanns sind ja nicht im Buchhandel erhältlich; Originaldrucke aus dem 18. oder beginnenden 19. Jahrhundert sind nur sehr schwer über Antiquariate beziehungsweise das Internet zu beziehen; einige Texte sind nicht einmal mehr in größten Bibliotheken vorhanden; von ihnen weiß der Autor Heinz nur über frühere Verzeichnisse Wagemannscher Veröffentlichungen. Nachdrucke gab es, soweit dem Berichterstatter bekannt, nie.

„Die konstitutionelle Monarchie der Tiere“ ist ein Text, in dem Wagemann in satirischer Form ein politisches Glaubensbekenntnis ablegt. (Man darf anfügen: Die Literaturform der Tier-Satiren hat eine lange Tradition; die ersten solchen boshaften Geschichten sind uns aus dem alten Ägypten überkommen. Einer der berühmtesten Texte dieser Art war sicher „Animal Farm“ von Georg Orwell, und ein recht frisches Erzeugnis dieser Art ist Roger Willemsens „Karneval der Tiere“, nach Camille Saint-Saens).

Porträt Wagemann
Benedikt von Wagemann (1763-1837) entnommen der Neuerscheinung. - Bis vor kurzem war kein Portrait des einstigen Ehinger Oberamtsarztes mehr bekannt; bei seinen Nachforschungen stieß Werner Heinz auf diesen Portrait-Stich von Wagemann.

Der Autor Wagemann stammte aus einer Mediziner-Dienstadelsfamilie, Dienstadel beim Klosterstaat Weingarten und bei regionalen Institutionen (etwa der vorderösterreichischen „Landvogtei“ mit Sitz in dem Stadt-Weingarten-Vorläufer „Altdorf“).

Benedikt von Wagemann studierte an der vorderösterreichischen Landesuniversität Freiburg und an der zentralen habsburgischen Universität in Wien. - In Wien stieß er zu einem Kreis anakreontischer Dichter (d. h. ungefähr „Lob-auf-Wein-Weib-und-Gesang“) und satirischer Dichter, voran Aloys Blumauer. Zu dieser für Wien typischen Literaturszene hatte auch ein anderer oberschwäbischer Satiriker Bezug: Carl Borromäus Weitzmann, aus dem ebenfalls vorderösterreichischen Munderkingen; Weitzmann war in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wie von Wagemann in Ehingen tätig, Weitzmann als Rechtsanwalt, Wagemann als Arzt.

Der Buchautor Werner Heinz kontrastiert jene fröhlich-witzig gestimmte Wiener Literatur mit der seiner Ansicht nach im vorwiegend protestantischen Deutschland geläufigen pathetischen Dichtung (Stichworte „Sturm und Drang“, „Empfindsamkeit“, „Klassik“).

Benedikt von Wagemann scheint von Kindertagen an gern gereimt zu haben und behielt diese Neigung lebenslang bei, zunächst noch gegen den Widerstand seines Vaters, ebenfalls ein Arzt. Auch der Großvater war schon Arzt gewesen und hatte als solcher für seine Familie den erblichen Adel erworben.

Benedikt lernte trotz aller jugendlichen Reim- und Schreibsucht abbes Räachts und konnte als fertiger Arzt eine Witwe aus dem Niederadel ehelichen. Er hatte diese als Witwe beim Graf von Königsegg-Aulendorf kennengelernt; deren Bruder wurde später erster Bischof der neu errichteten badischen Landesdiözese Freiburg.

Einen großen Teil seines Berufsleben verbrachte von Wagemann als Oberamtsarzt in Ehingen, als der erste auf diesem neugeschaffenen Posten. Bis zur Oberamt-Bildung im Zusammenhang mit dem Reichsdeputationshauptschluss und der Aneignung Ehingens durch Württemberg war Ehingen vorderösterreichische „Direktorialstadt“ gewesen. - Gegen Ende seines Lebens zog Wagemann wieder zurück in seine geliebte und – angeblich – wärmere Heimat Weingarten.

Es ist erstaunlich, was W. Heinz alles an biographischen Nachrichten über Wagemann aufgetan hat. Schließlich gab es bisher keinerlei Monographie über diesen Mann. Die einzige allein auf Wagemann zugeschnittene frühere Befassung ist laut Heinzens Literaturverzeichnis ein Aufsatz von Veit Feger, dem Verfasser dieser Buchbesprechung, erschienen am 28. August 1991 in der Schwäbischen Zeitung Ehingen, unter dem Titel „Gedenkblatt für einen vergessenen Bücherschreiber und seine Veröffentlichungen. Dichtender und politisierender Oberamtsarzt aus Ehingen: Philipp Benedikt von Wagemann“.

Leider nennt Werner Heinz seine ungedruckten Quellen nur kursorisch und gibt bei vielen interessanten Einzelheiten seines Textes nicht an, woher er seine speziellen Kenntnisse bezieht. Das gilt so gut für Details aus dem Leben Wagemanns wie für die Verhaltensweisen von katholischen Pfarrern in ihren häuslichen Betten.

Werner Heinz wollte allem nach kein trocken-wissenschaftliches Buch schreiben; er erzählt, mit vielen sinnvollen Zwischenüberschriften gegliedert, frisch und anschaulich. Reizvoll etwa seine Schilderung eines Weingartener Blutritts im 18. Jahrhundert, so, wie sie der junge Wagemann erlebt haben dürfte. - Heinz erzählt auch von den zahlreichen Auseinandersetzungen, die Wagemann initiierte (und in denen dieser - empfindet der Rezensent - als Streithansel erscheint). - Heinz schildert, so weit ihm zugänglich, die Inhalte aller ihm erreichbaren Wagemannschen Texte - und er scheint meist von deren Inhalt angetan.

Wagemanns Texte waren Satiren à la Wiener Dichterkreis um Aloys Blumauer, sie enthielten aber auch viel Preisendes oder Gelegenheitslyrik; ein Gebetbuch war dabei, aber auch medizinische Grundkenntnisse und Gesundheitsregeln in Reimform, zudem einige politische Räsonnements.

Die sehr verdienstliche Liste, die Heinz zusammentrug, umfasst immerhin 30 Einzelpublikationen und „Ganzschriften“.

Wir zitieren im folgenden einige Titel, weil schon diese einen Einblick in die Vorstellungs- und Wertwelt des Dichters Wagemann geben können:
  • „Empfindungen bey der Durchreise der unglücklichen Königstochter. Von einem redlichen Schwaben“. Altdorf 1795 (Erläuterung: Altdorf ist der alte Name der Gemeinde, die heute Weingarten heißt; mit jener „unglücklichen Königstochter“ war eine Tochter von Marie Antoinette gemeint, das einzige ihrer Kinder, das die Französische Revolution überlebte).
  • „Karl von Österreich, Überwinder der Neufranken. Eine Ballade.“ 1797 („Neufranken“: damit sind die französischen Revolutionäre gemeint).
  • „Kaiser Franz und Erzherzog Karl – ein patriotisches Volksbild“, Wien o. J.
  • „Ovids Verwandlungen, travestiert von B. v. Wagemann“, Kempten 1805, zweite Ausgabe Frankfurt und Leipzig 1806. (Das antike Epos „Verwandlungen“ wird heute meist entsprechend dem ursprünglichen Titel als „Metamorphosen“ geführt.)
  • „Gedichte über Napoleon Bonaparte: Ein wahres Wort an Europas Bundesfürsten. Hymne auf den Marschall Vorwärts“ (d. h. Blücher), Tübingen 1815.
  • „Die Verehrung der Gottheit im höheren Schwunge des Geistes und Herzens: ein Gebetbuch für alle aufgeklärten Bekenner eines reinen Christenthums“, Reutlingen 1817 (zweite Ausgabe Heidelberg 1818)
  • „Bibel der Ärzte, oder: Die Aphorismen des Hippokrates, nach dem lateinischen Texte des Nikolaus Leonicenus in deutschen Jamben übersetzt und mit einer Erklärung in Prosa“, Reutlingen und Wien 1818.
  • „Die Osmanen und Hellas“, Reutlingen 1821
  • „Leichenpredigt am Grabe eines Mopses“, Ulm o. J.
  • „Irmengard, die Mutter von zwölf Waisenknaben“, Schauspiel in fünf Aufzügen, Leipzig und Ulm 1825
  • „Sämtliche Gedichte“, 2. Bände, Reutlingen 1826, und Leipzig 1826
  • „Des Publius Ovidius Naso fünf Trauerbücher, travestiert“, Ludwigsburg 18.29 („Trauerbücher“ – auch hier wird heute meist der ursprüngliche Ausdruck „Tristitia“ oder - mit deutscher Endung - „Tristitien“ verwendet).
  • „Volks Anatomie nebst darauf sich beziehender Gesundheitslehre. Zunächst für die Schuljugend beiderlei Geschlechts in alexandrinischer Versart geschrieben“, Ehingen, 1831 (Dieses Büchlein, eher ein Oktavheft zu nennen und auch im Ehinger Museum vorhanden, war wohl das erste „Verlagsprodukt“ des ganz jungen Verlags von Thomas Feger, dem Ururgroßvater des Rezensenten).
  • „Ernste Worte über Freiheitsschwindel und Revolutionssucht. Gesprochen an Teutschlands Völker unsrer Zeit“, Ulm 1833
  • „Die Abenteuer Telemachs, Sohn des Ulysses, travestirt“, Bd. 1 Ulm 1834, Band 2 Ulm 1835 (dieses Werk ist bei Google einsehbar: Digitalisat Band 1; Digitalisat Band 2)
Bald nach dem Erscheinen dieses Doppelbandes starb Benedikt von Wagemann.

Der vorletzte hier erwähnte Titel weist auf die im Lebenslauf anders gewordenen politischen Ansichten Wagemanns hin. Dieser hatte in seiner oberschwäbischen Heimat die Nachteile der französischen Revolution in Form von zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen, Schlachten, Requirierungen übelster Art, massenhaften Vergewaltigungen von Frauen durch fremde Soldateska etc. kennengelernt. Die hehren Worte der Französischen Revolution von Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit verloren ihren Glanz, wenn man die Soldaten dieses Landes durch Oberschwaben marodieren sah. Mit seiner Distanz zur Volksherrschaft entsprach von Wagemann der politischen Ansicht und Haltung eines Großteils des damaligen deutschen (sehr konservativen) Bürgertums.
Karikatur
Die Umschlag-Innenseiten der Neuerscheinung sind mit dieser Karikatur illustriert. Sie stammt aus der Erstausgabe des der Neuerscheinung beigegebenen Wagemann-Satire „Die konstitutionelle Monarchie der Tiere“. Zu sehen ist eine Parlamentssitzung: Zu erkennen sind Elefant, Geiß, Löwe, Pferd, Hund, Stier etc., die Hasen sind die Parlamentsstenographen, im Vordergrund tierische Harlekine als Boten. Diese Satire erschien erstmals erschienen bei Ebner in Ulm 1823. Wagemann macht sich über die politischen Bewegungen seiner Zeit lustig, die den zahlreichen deutschen Staaten damals ein Grundgesetz geben wollten, eine Verfassung, eine „Konstitution“, wie man damals gern sagte. Zum Inhalt des szenisch aufgebauten Textes schreibt Autor Wagemann: „Die Tiere empören sich gegen ihren rechtmäßigen König. Er wird gezwungen, eine von ihnen entworfene Konstitution zu unterzeichnen.“ - Man beachte: Der König war nach Ansicht Wagemanns „rechtmäßig“ im Amt, ein Verfassungstext wurde ihm „aufgezwungen“.

Zur Person des Autors:

Werner Heinz wurde 1951 in Reutlingen geboren, wuchs dort auf und legte dort sein Abitur ab. Nach dem Wehrdienst studierte er in Stuttgart und Konstanz Deutsch und Geschichte, legte die entsprechenden Staatsexamina ab und unterrichtet seit 1979 am Gymnasium in ´Weingarten. - Eine Wahlperiode lang, von 1989 bis 1994, gehörte er für die Grünen dem Ravensburger Kreistag an. 1994 erhielt er einen Förderpreis des „Landespreises für Heimatforschung“, für sein Buch über den „Lithograph Joseph Bayer“ (erschienen wie das Wagemann-Buch bei Eppe / Bergatreute). 1998 erwarb er mit einer umfangreichen Arbeit über die Revolution von 1848 in Oberschwaben den Doktorhut. Zwei Jahre später erhielt er für die Buchfassung dieser Dissertation den Franz-Ludwig-Baumann-Anerkennungspreis für oberschwäbische Geschichte.

Ab 1982 veröffentlichte Werner Heinz zahlreiche Aufsätze vor allem heimatgeschichtlichen Inhalts, zunächst vor allem in den damals existierenden „Südschwäbischen Nachrichten“, später vorwiegend in der Schwäbischen Zeitung Ravensburg, teils auch in Sammelbänden.

Betrachtet man die Titel der Heinz’schen Aufsätze, so fällt auf, dass Heinz auch weniger beliebte Themen aufgriff, etwa das Schicksal von NS-Verfolgten aus dem Raum Weingarten oder die seltsame Art der Entnazifizierung (besser: Nicht-Entnazifizierung) nach dem Dritten Reich in diesem Teil Oberschwabens. W. Heinz würdigte Menschen, die verdrängt und vergessen wurden, unter ihnen zahlreiche sogenannte „kleine Leute“, kleine, aber tapfere Menschen, verfolgte Mitglieder der 48er-Bewegung und der Sozialdemokratie. – Heinzens Wagemann-Biographie erinnert beiläufig auch an einige andere vergessene Schriftsteller Schwabens; man kann sich vorstellen, in welcher Richtung die weiteren literar- und heimatgeschichtliche Forschungen des Autors gehen. Man darf gespannt sein.
Ladislaus - 3. Feb, 14:26

Vielen Dank an Veit Feger für seinen Gastbeitrag!

Den kurzen Eintrag über Wagemann im "Gelehrten Schwaben" findet man hier:
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Das_gelehrte_Schwaben_(Gradmann)_716.jpg

Eine Rezension zweier Wagemann-Bände in der Allgemeinen Literatur-Zeitung 1815:
http://zs.thulb.uni-jena.de/receive/jportal_jparticle_00054597
"Der Vf. mag ein guter Arzt seyn, ein guter Dichter ist er nicht, weder ein lateinischer, noch deutscher."

Mit seiner "Monarchie der Thiere" hat Wagemann es immerhin bis in die Bibliotheken von Harvard sowie in einen Blog dieser Universität geschafft:
http://blogs.law.harvard.edu/houghtonmodern/2008/03/27/animal-kingdom/

Ladislaus - 17. Nov, 19:43

Einige Gedichte Wagemanns sind in folgender Anthologie zu finden: Athenäum für Freunde der Deklamation, 2. Band 1817 (Google Books, siehe Inhaltsverzeichnis). Ein weiteres Gedicht gibt es in Band 3 ab S. 233 (Google).

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