Zum 60. Geburtstag von Baden-Württemberg

ging heute das neue landeskundliche Portal online

http://www.leo-bw.de/

Die Navigation und die Suchfunktionen sind so unterirdisch schlecht gemacht, dass man gar nicht weiß, wo man beim Kritisieren anfangen soll. Brauchbare Suchergebnisse für (nur) digital verfügbares habe ich jedenfalls zunächst mit keinem der vorbereiteten Links auf der Hauptseite herausfinden können. Ellenlange Ergebnislisten, die sich nicht oder nur schlecht weiter aufbereiten lassen. Das übliche eben, Stand 1995. Die Facettensuche funktioniert überhaupt nicht oder wenigstens nur mit völlig unvorhersagbaren Ergebnissen. So wird die Treffermenge mal größer, mal kleiner, mal verschwindet das eigene Suchwort wieder, es ist eben einfach völlig kaputt.

Der Trick scheint zu sein, sich das ganze Klickibunti und vor allem den Reiter "Orte" mit der völlig unbrauchbaren Ortsdarstellung wegzudenken und ausschließlich das Hauptsuchfeld zu verwenden. Dort dann auf "Dokumente", und dann "Multimedia" (wie gesagt, Sprachstand 1995) anklicken, und es kommen doch einige Fotos und Filmchen, die ich im Netz noch nicht gesehen habe. Hübsch (aber natürlich viel zu klein für aufschlussreiche Detailansichten und nicht legal nachnutzbar) sind die Luftbilder, die sich per "Ravensburg Luftbild" finden lassen. Die sechs Bilder vom Rutenfest in den 1930er Jahren (Suche nach "Rutenfest") sind aufschlussreich, und das ein paar Sekunden lange Schwarzweiß-Filmchen vom Rutenfestumzug ohne Jahresangabe ist ganz nett. Das Foto vom legal beparkten Marienplatz von 1970 ist klasse, zumal eigentlich eher weniger Autos zu sehen sind als heute nach der Umwandlung in die meistbefahrene Fußgängerzone der Welt.

Die Bilddaten sind schlecht und bieten keinerlei Möglichkeit des Taggings, der Annotierung oder Diskussion. Selbst einfachste Ortszuweisungen sind falsch, z. B. wird vom Foto des Walkschen Hauses fälschlich Weingarten (Württemberg) verlinkt, dabei steht das Haus in Weingarten (Baden) bei Karlsruhe. Für schulische und wissenschaftliche Nutzung sind Metadaten wie hier schlicht unbrauchbar. Es handelt sich dabei offenkundig um eine Illustration zu einem Werk des 19. oder 20. Jahrhunderts, laut Überschrift von "K. A. Wilke" (das ist übrigens der österreichische Maler und Illustrator Karl A. Wilke mit den Lebendaten 1879-1954, was man aber nicht erfährt). Datiert wird das Werk lustig ins 16. Jahrhundert, und als Autor ist "Bothner, Robert [Fotograf]" genannt. Der hat natürlich weder im 16. Jh. gelebt noch das Werk geschaffen, sondern nur das Buch fotografiert. Mit so einem Mist kann man in Zeiten des Abmahnwahns jedenfalls keinen Blumentopf mehr gewinnen.

Die Personendatenbank baut wohl auf der altbekannten Landesbibliographie auf, wird aber leider in keiner Weise mit dem Rest des Webs verbunden, was anhand der verwendeten Normdaten problemlos möglich wäre (Beispiel Ladislaus Sunthaym: Ergebnis in LEO und mögliche Ergebnisanreicherung mit dem kostenlosen SeeAlso). Einige Volltexte scheinen dort aber doch dabei zu sein, z. B. die Biografie von Julius Spohn hier aus den "Württembergischen Biographien".

Die beschriebenen "Objekte" sind einige einigermaßen bizarr ausgewählte Kulturdenkmäler – in Ravensburg der Friedhof, eine alte Güterhalle am Bahnhof und die Pfarrkirche Bavendorf, aus der historischen Altstadt nur das Spital und das Humpisquartier. Besonder hübsch der Eintrag des Stadtarchivs, von dem nicht etwa das Gebäude, sondern der überdachte Fahrradständer abgebildet wird. Dazu die Einträge der bereits seit langem im Netz verfügbaren Klösterdatenbank. Wenn keine Adresse dabeisteht, liegt das Kloster dann auf der zugehörigen Karte in der Stadtmitte (z. B. das Antoniterhaus in der oberen Herrenstraße, hier allerdings direkt im Blaserturm...). Bayern hat seit vielen Jahren die komplette Denkmalliste im Netz stehen, Baden-Württemberg dilettiert weiterhin herum. Der Wikipedia die Denkmallisten zur Verfügung zu stellen, wäre für das Land übrigens kostenlos, dann gäbe es auch in Nullkommanichts vorbildliche, aktuelle bebilderte Listen wie für die Kommunen anderer Bundesländer.

Die "Highlights" sind schön ausgewählt, aber die dahinter versteckten Mehrzeiler arg kurz, z. B. das Artikelchen über die Weingartner Liederhandschrift. Vor allem aber wurde wie bei einigen anderen Highlights vergessen, auf die vorhandenen Digitalisate der Partner zu verlinken (also dorthin). Anderes Beispiel: die sehenswerten Kieserschen Ortsansichten, bei den Highlights nur mit einem Bild (alle Digitalisate beim Landesarchiv , nach Landkreisen sortiert inzwischen auch auf die Wikimedia Commons kopiert). Zum Highlight Humpisquartier wäre ein Link zur Museumshomepage nicht zuviel verlangt (die Commons-Kategorie wäre auch nicht schlecht). Nicht einmal intern ist der Denkmaldatensatz verlinkt. Die Digitalisate der UB Tübingen und der UB Heidelberg hingegen (z. B. der Codex Manesse) wurden aus den Highlights heraus verlinkt.

Bei allen Suchen werden die Suchergebnisse wie bei vielen solchen Meta-Portalen durch unzählige Treffer "zugemüllt", die einfach nur bibliographische Nachweise aus Bibliothekskatalogen sind. Das mag als Zusatzinformation sinnvoll sein, aber unter "Texte" oder "Dokumente" hat das nichts zu suchen. Wirklich vorhandene Inhalte des Portals sind so nicht auffindbar. Zahlen von "mehr als 1,3 Millionen Objekten bzw. Datensätzen", die in der PR auftauchen, relativieren sich so doch recht schnell. Bildlich gesprochen ähnelt das einer Bibliothek, die von 1,3 Mio Bestand spricht, aber nur ein paar tausend Bücher besitzt und den Rest nur im Zettelkatalog verzeichnet.

Keine der Seiten etwa zu Personen oder Orten bietet einen Permalink an, daher ist das gesamte Angebot nicht zitabel und damit nicht, wie versprochen, für Schüler und Studenten brauchbar. Die oben genannte Spohn-Biographie hat z. B. die schöne URL http://www.leo-bw.de/web/guest/detail/-/Detail/details/PERSON/kgl_biographien/1012364402/Spohn+Julius Wer weiß, wie lange das hält. Die Ausschreibungsunterlagen hngegen sprechen ganz deutlich von Permalinks für alles, es bleibt also zu hoffen, dass da noch etwas kommt.

Die offizielle Landesbeschreibung in Baden und Württemberg hat eine lange Tradition. Doch zur Landeskunde gehören immer auch die vielen Heimatvereine, Ortshistoriker und Heimatsammler. Eine Bürgerbeteiligung irgendeiner Art durch eigene Beiträge, Korrekturen, Tagging oder eigenes "Kuratieren" und Teilen von eigenen Zusammenstellungen ist anscheinend nicht erwünscht oder geplant (im Netz finden sich an anderer Stelle Ankündigungen zu "Web 2.0"-Erweiterungen, auf der Seite selbst bislangs nichts davon, auch kein Neuigkeitenblog o. ä.). Es wird nicht einmal dorthin verinkt, wo das alles passiert (etwa bei Wikipedia/Wikisource/Commons, aber auch im Karlsruher Stadtwiki). Dynamische Elemente, etwa ein RSS-Feed oder andere Benachrichtigungen für neu aufgenommene Objekte, sind nicht zu finden. Das zwei Millionen Euro teure Portal ist so eine Totgeburt und in der momentanten Form einfach nur überflüssig. Für Laien zu kompliziert, für Profis unnötig. Hoffentlich ist der unfertige Eindruck nur dem festen Stichtag am Landesgeburtstag geschuldet, zu dem das Portal natürlich pressewirksam bereitstehen musste.

Zum Schluss ein paar Links: Wo erfährt man mehr über Ravensburg, seine Denkmäler und seine Geschichte?

1.) Bei http://de.wikipedia.org/wiki/Ravensburg (nicht mal ein guter Artikel), http://de.wikisource.org/wiki/Ravensburg und http://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Ravensburg oder

2.) http://www.leo-bw.de/web/guest/detail-gis/-/Detail/details/ORT/labw_ortslexikon/20012/Ravensburg

Es möge jeder selbst entscheiden, aber für die Wikipedia-Projekte ist das im jetzigen Zustand sicherlich keine Konkurrenz, in keiner Zielgruppe, höchstens (bei entsprechender, noch nicht gegebener Verlinkungsmöglichkeit) ein willkommenes Linkziel für den ein oder anderen Volltext, das ein oder andere Urkundendigitalisat oder für Listen von Ortsteilen, Literatur oder Archivbeständen.

Blick durch das Frauentor von 1926, kein Autor angegeben

60 Jahre BW: Wuchs zusammen, was zusammen gehört?

Es kommt darauf an. Politisch und wirtschaftlich interessiert das eigentlich keinen mehr, einen halbwegs ernstzunehmenden Separatismus wie etwa in Franken gibt es nicht. "Ich bin Baden-Württemberger" hört man allerdings auch nie.

Die unterschiedlichsten Dialekte (vom Niederalemannischen bis zum Fränkischen um Karlsruhe herum) werden zu einer eigenständigen Mundart "Badisch" verklärt, die außer der Zugehörigkeit der Regionen zum ehemaligen Großherzogtum nichts Gemeinsames hat, da der eigene Dialekt ja nur nicht "Schwäbisch" heißen darf...

Ausgerechnet in Freiburg, dem alten vorderösterreichischen Verwaltungssitz, singen sie das Badenerlied bei jedem Fußballspiel.

Und in der evangelischen Schlosskirche Friedrichshafen singt man aus dem württembergischen Gesangbuch, in der evangelischen Kirche im ehemals badischen Ortsteil Kluftern aus dem badischen. Auch die katholische Kirche hält sich brav an die alten Landesgrenzen.

Selbst bei der staatlichen Verwaltung stünde einer baldigen Trennung der Länder von den Regierungsbezirken bis zu den Amtsgerichtsbezirken, von den Staatsarchiven bis zu den Landesbibliotheken nur wenig im Wege. Der Bodenseekreis, der Landkreis Sigmaringen und die Stadt Villingen-Schwenningen wären auch keine zu großen Hindernisse.

Wappen in Ravensburg (16)

In den kürzlich neu eröffneten, sehenswerten Räumen im Museum Humpis-Quartier werden Gesellschaft und Industrie des 19. Jahrhunderts beleuchtet. Besonders erfreut hat es mich, das alte Klavier aus dem Humpis-Nebenzimmer wiederzusehen, auf dem ich Anfang der 1990er Jahre noch so manches bierselige Lied zu Landsknechts-Gesang geklimpert habe.

Das Vereinswesen wird u. a. durch zwei Objekte mit Ravensburger Wappen repräsentiert.

Zum einen ist da der Liederkranz, der ja noch heute unter dem Namen Oratorienchor Liederkranz ein Grundpfeiler des Ravensburger Laien-Kulturlebens ist. Seine schöne Fahne von 1896 zeigt ganz selbstverständlich auch das Stadtwappen:

Fahne Liederkranz Wappen

Die Turngemeinde Ravensburg von 1847 (TVR) hieß ab 1865 Turnverein Ravensburg (TVR). Seit einer Fusion 1973 heißt der Verein Turn- und Sport-Bund (TSB) und ist der größte Ravensburger Sportverein. Auch sein tragbares Zeichen zeigt das Ravensburger Wappenbild. Die Bedeutung des Mühlrads ist mir allerdings nicht klar.

TVR Zeichen

Das Logo des heutigen TSB sieht so aus:

TSB-Logo

Bewerfen mit Lumpen kostet 24 Kreuzer

...in der Fabrikordnung von Escher-Wyss vom November 1860:

Reglement für die mechanische Filial-Werkstätte von Escher, Wyss & Cie.

Jugendherberge auf der Veitsburg

Als Ravensburger kommt man ja nie in die Lage, die Jugendherberge auf der Veitsburg zu benutzen, und so war der Tag der offenen Tür bei der Wiedereröffnung nach dem Umbau tatsächlich das erste Mal, dass ich diese Gebäude von innen gesehen habe.

Hier einige Eindrücke:











Grausamer Kindes-Mord und Heilige Lieder

Noch zwei Digitalisate sind zu melden.

Zunächst ein längliches religiöses Traktat, dass der Tragik des Geschehens erwartungsgemäß an keiner Stelle gerecht wird:

Nachricht von einer erbärmlich verirrten, mit Liebes-voller Begierde gesuchten, und durch eine wahre Bekehrung erfreulich wiedergebrachten armen Sünderin, nahmentlich Elisabetha Albrechtin, so in der Kayserl. freyen Reichs-Stadt Ravenspurg Anno 1767 d. 4. Junii wegen begangenen grausamen Kindes-Mord ... durch das Schwerdt hingerichtet worden von 1767.
http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10947780-6
oder http://books.google.de/books?id=yiZPAAAAcAAJ&printsec=frontcover

Außerdem das seltene evangelische Gesangbuch von 1771:

Heilige Lieder zum gottesdienstlichen Gebrauche der evangelisch-lutherischen Gemeine zu Ravenspurg in Schwaben. Bartholomäi, Ulm 1771
http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10590801-2
oder http://books.google.de/books?id=WS5FAAAAcAAJ&printsec=frontcover

Ob der Text in irgendeiner Art abweicht von dem als Dauerleihgabe der Evangelischen Kirchengemeinde im Humpisquartier ausgestellten Gesangbuch von 1772 (siehe Bild), vermag ich nicht zu sagen, zumindest der Titelkupfer ist jedenfalls verschieden.

Germania Sacra

Einige der hochwillkommenen Digitalisate der ''Germania Sacra'' haben Bezug zu Oberschwaben:
Alle verfügbaren Bände siehe Wikipedia: Germania Sacra.

via Archivalia

Zimmerische Chronik und Truchsessenchronik online

Archivalia meldet gleich zwei wichtige neue Digitalisate mit Oberschwaben-Bezug.
Vielleicht erlebe ich es ja auch noch, dass Stuttgart die Handschriften von Ladislaus Sunthaym digitalisiert, was eigentlich noch wichtiger wäre (da diese bislang gar nicht oder nur sehr unzulänglich ediert sind und oft die ersten Beschreibungen schwäbischer Orte enthalten, darunter auch eine von Ravensburg).


Hinter der Burg Waldburg tut sich ein breites Bodenseepanorama auf.

Zigeunerzwangslager in Ravensburg

Ein Wikipedia-Artikel über das neben dem Mord an den Weißenauer Patienten 1940–1941 wohl dunkelste Kapitel der Geschichte Ravensburgs, das ab 1935 bestehende Zigeunerzwangslager, dessen Bewohner 1943 nach Auschwitz deportiert wurden. 29 Ravensburger Sinti wurden in Auschwitz ermordet.

Die wenigen Überlebenden blieben nach dem Krieg dort einfach wohnen, und erst vor wenigen Jahren wurden die Baracken durch Häuser mit modernem Standard ersetzt. Noch heute leben dort im „Ummenwinkel“ viele Sinti.

http://de.wikipedia.org/wiki/Zigeunerzwangslager_in_Ravensburg

Dort auch ein Link zu einer kurzen Beschreibung des Schicksals der Familie Schneck, mit einem Bild aus dem Stadtarchiv Ravensburg:

http://www.mit-der-reichsbahn-in-den-tod.de/schneck.html


Mahnmal in Ravensburg
Das Mahnmal vor der Jodokskirche

Aus einem alten Buch gefallen

ist dieser Schuldschein:

Schuldschein Wallenreute 1848

Er stammt aus dem sicherlich wervollsten (wenn nicht einzigen) Buch eines oberschwäbischen Bauernhofs bei Aulendorf, das nochmal rund 100 Jahre älter als das Schriftstück ist und allerlei erbauliche Legenden samt einiger hübscher Illustrationen enthält. Wie solche Legendenbücher auf dem Lande "benutzt" wurden, zeigt ein um 1900 entstandenes Gemälde von Karl Blos.

Zum Inhalt des im Buch aufbewahrten Manuskripts: Schultheiß Straßer vom Hof Poppenmayer lieh dem Bauern Anton Ehe in Wallenreute 400 Gulden, und kurz darauf quittiert Straßer die Rückzahlung samt Zinsen.

Der Schuldschein wurde Ehe also zurückgegeben und landete wieder in Wallenreute, wurde in besagtem Buch aufbewahrt und überlebte dort Besitzerwechsel und mehrere Kriege.

Schuldschein

Der unterzeichnete Anton Ehe von
Wallenreuthe hat heute als am 26ten
Merz 1848 vierhundert Gulden
baar entlehnt vom Schultheiß Straßer
von Poppenmayer und verspricht
derselbe dieses Kapital nicht nur
vier 1/2 procent von hundert, und
zwar erstmal auf den 26ten März
1849 zu verzinsen, sondern auch nach
einer viertjährigen aufkündigung baar
anheim zu bezahlen.

Bescheind
Wallenreuthe, den 26. März 1848
d. Schuldner
Anton Ehe


Vorstehendes Kapital Nebst
Laufenden Zinsen hat heute
der untenzeichnet von Anton Ehe
richtig & baar Empfangen
wofür bescheind
Poppenmayer 4 Octb. 1848
Schultheiss Straßer


Transkription ohne Gewähr. :-) Ich hoffe, die Jahreszahlen stimmen.

Wie die Schildbürger einmal erst im zweiten Anlauf eine renommierte Konzertreihe loswurden

Ein Schwank aus dem 21. Jahrhundert

Im alten Reichsstädtchen Schilda gibt es einen Verein, der ohne besonders viel städtische Zuwendung jedes Jahr einige Konzerte mit Neuer Musik veranstaltet. Und diese städtische Zuwendung wird ohnehin fast ganz durch die Mieten wieder aufgefressen, die die Stadt Schilda von dem Verein für die Nutzung ihrer Konzertsäle verlangt. Durch den guten Ruf des Vereins und wegen guter Kontakte zum großen staatlichen Rundfunk gibt es seit vielen Jahren ein Konzert, das die Stadt gar nichts kostet und das den Namen der Stadt trotzdem im überregionalen Radio in gutem Licht erscheinen lässt. Ein renommiertes Ensemble spielt avantgardistische Werke, ein kleines Häuflein unentwegter Krachliebhaber ist vor Ort, und ein paar tausend weitere Leute hören das Konzert dann ein paar Wochen später im Radio. So hätte das auch gut und gerne noch weitere 20 Jahre weitergehen können.

Dass da ganz ohne Streiterei und ohne große Bettelei einfach so ein hochkarätiges Konzert veranstaltet wird, dass ließ den Schildbürgern natürlich keine Ruhe. Da musste doch was zu machen sein, so etwas darf es doch einfach nicht geben. Nach vielen Jahren kam dem Ordnungsamt die zündende Idee: so eine Radiosendung braucht ja auch einen Aufnahmewagen. Und das mitten in der Fußgängerzone! Für diesen Lastwagen hatte man ja auch jahrelang den Verein für die Parkgenehmigung zahlen lassen. Das ist doch vielversprechend, da kann man doch ansetzen! Also wurde dem Landratsamt erlaubt, gleichzeitig und an der gleichen Stelle mitten in der Stadt einen Kleinwagen für irgendeine Verlosung abzustellen. Dann wollen wir doch mal sehen, wer hier das Sagen hat.

Der Tag des Konzerts im mittelalterlichen Konzertsaal in der Stadtmitte war gekommen. Die sündhaft teure Ausstattung des Lastwagens wird vom SWR sehr effektiv eingesetzt, der Wagen soll nicht länger als nötig unnütz herumstehen, und von der Verkabelung in das mittelalterliche Haus hinein bis hin zu den Mikrofonproben muss alles in wenigen Stunden vor dem Konzert erledigt sein. Der rührige Vereinsvorsitzende traut seinen Augen nicht, als er die Radioleute empfängt und der notwendige Stellplatz in Kabellänge zum Konzertsaal mit dem zu verlosenden Kleinwagen besetzt ist. Flugs ist das Schildaer Ordnungsamt angerufen, aber die zuständige Amtsperson ist in einer Besprechung und weigert sich, sich vor deren Beendigung in zwei Stunden mit der Lappalie zu beschäftigen. Man möge doch bitte warten. Im Landratsamt Schilda weiß man vom Auto, aber zuständig sei das Schildaer Ordnungsamt, da könne man rein gar nichts machen. Schon wieder wertvolle Zeit verloren. Irgendwie erfährt man den Namen des tüchtigen Autohausmitarbeiters, der den Schlüssel zum Auto besitzen soll, und der fährt das Auto dann auch innerhalb von 10 Minuten einige Meter zur Seite.

Die Technik wird aufgebaut, der Klang wird optimiert, und dann kann es auch bald losgehen. Doch jetzt ist die Besprechung im nahen Ordnungsamt zu Ende, und die Schildaer Amtsperson naht zur schnellen Lösung des Problems. Die Amtsperson ist entsetzt: der Kleinwagen ist weg, ein hässlicher SWR-Truck verschandelt das Stadtbild. Das gesunde Schildaer Rechtsempfinden regt sich in der Amtsperson. So geht es ja wirklich nicht. Die lustige Person stürmt den Saal und beschimpft den rührigen Vereinsvorsitzenden: Selbstjustiz! Amtsanmaßung! Das wird noch Folgen für Sie haben! Die Radioleute aus der fernen Großstadt freuen sich über den gelungenen folkloristischen Auftritt und lachen pflichtbewusst. Es ist doch auch zu nett, dass die Stadt Schilda außerhalb der Fasnetszeit einfach so Laien-Komödianten zur Begrüßung und Erheiterung der Fremden schickt. Das Konzert findet statt, und alles ist in bester Ordnung.

Da Schilda, wie gesagt, jedes Jahr so ein kostenloses Konzert des Rundfunks bekommt, bietet sich die Gelegenheit zur Revanche schon im nächsten Jahr. Die nötige Parkgenehmigung wird wieder gegen erkleckliche Gebühr ausgestellt, sie gilt nur bis 24:00 Uhr. Nach Konzert können also die Tonmeister nicht wie immer das Hotel am gleichen, zu dieser Zeit menschenleeren Platz, beziehen und Schilda noch ein bisschen Gewerbesteuereinnahmen bescheren, sondern müssen vorher den Truck wegbewegen. Wohin? Wo kann man so ein Auto in der Stadt halbwegs sicher parken? Das ist nicht Sache des Amts, solche Auskünfte kann man nicht beantworten. Da könnte ja jeder kommen. Der rührige Vereinsvorsitzende kündigt an, dann eben den fälligen Strafzettel zu bezahlen, der dann später auch prompt ausgestellt wird. Es ist ja für einen guten Zweck: irgendwie muss die Schildaer Stadtkasse ja gefüllt werden. So weit, so gut. Nun ist so ein Konzert mit Neuer Musik manchmal ein bisschen komplizierter als die Blasmusik, die den Schildaern so sehr ans Herz gewachsen ist, und so kommen zum Truck zwei SWR-Fahrzeuge mit weiteren Geräten und ein Lieferwagen eines Musikhochschulprofessors voller Schlagzeug frech vor dem Konzertsaal vorgefahren, zur schleunigsten Entladung. Nur wenige Stunden vor dem Konzert, und sogar die Geschäfte haben noch geöffnet. Die staatliche Ordnung ist kurz vor dem Zusammenbrechen. Sodom und Gomorrha! Das Ordnungsamt bekommt davon Wind, und wieder wird eine hochmögende Amtsperson losgeschickt, den Aufruhr zu verhindern. Die Amtperson beschimpft die SWR-Redakteure und den Musikhochschulprofessor und den rührigen Vereinsvorsitzenden dann auch trefflich und bestraft sie gebührend. Ein Blick auf den Kalender zeigt, dass auch dieses Mal keine Fasnetszeit ist, auch haben sich die Großstädter nicht im Jahrhundert geirrt. Ein befreiendes Lachen will sich dennoch nicht einstellen, die Vorstellung der lustigen Amtsperson wirkt einfach zu echt. Die fremden Großstädter verfluchen die Stadt und schwören, keinen Fuß mehr in die Stadt Schilda zu setzen. Victoria!

Und so kam es, dass das "Ars-Nova-Konzert" nie mehr in Schilda stattfindet, sondern bei den Freunden im eine Tagesreise nördlich gelegenen Abdera. Bis 24. Januar 2012 haben die Abderiten noch Zeit, sich eine eigene Strategie zur Abwehr der schamlosen Parksünder auszudenken. Sonst müssen auch sie jedes Jahr ein kostenloses Konzert ertragen!

(nach Gedächtnisprotokoll, es mag sich genau so oder ganz ähnlich abgespielt haben, Ursache und Wirkung stimmen jedenfalls)

Historische Ansichtskarten von Laupheim

Diese hervorragende private Website hält, was sie verspricht:

Wir möchten Ihnen eine neue Seite von Laupheim zeigen. Um genau zu sein, sogar sehr viele neue Seiten, und zwar in Form der Vorder- und Rückseiten von aktuell 811 historischen Ansichtskarten, viele davon älter als 100 Jahre.

http://www.laupheimer-ansichtskarten.de/




PS: Auch diese Website versteckt die Vollauflösung der Karten hinter einem unötigen Zoom-Feature. So gelangt man an die Originaldatei (mit dem Firefox):

Beispiel: http://www.laupheimer-ansichtskarten.de/1900-1909/0739-gasthof-zur-sonne-in-laupheim.html

Rechtsklick, "Grafik anzeigen": die URL ist http://www.laupheimer-ansichtskarten.de/cache/large_0739v.jpg

"large" durch "orig" ersetzen: http://www.laupheimer-ansichtskarten.de/cache/orig_0739v.jpg
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